posse mag #01
Patterns of Pleasure

Printmagazin
2022

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© posse mag

posse mag #01
„Patterns of Pleasure“
138 Seiten, 13,5 x 21cm, Softcover
Essays, Interviews, Prosa, Lyrik,
Illustrationen und Fotografien

“Das posse mag füllt eine Lücke: Texte, die mithilfe von Theorie versuchen, Alltag und Subjektivität zu ergründen. Mehr davon, bitte!” (Kölner Stadtrevue)

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Hochgefühle verweigern sich einer Reinszenierung. Und dennoch bemühen wir uns um ihre Wiederholbarkeit. Wenn wir von Patterns of Pleasure sprechen,
dann von den unvollkommenen Mustern, die im Versuch entstehen, Begehren und Befriedigung ineinander aufzulösen: Verschiebungen, Störmomente, Knoten, kleine Lücken und Differenzen, die sich neu besetzen lassen. Der Erfahrung von Lust wohnt somit ein Potenzial der Transformation inne: Sie bezeichnet unsere Fähigkeit, uns mit der Welt in Beziehung zu setzen und von ihr verändert zu werden.

Die erste Ausgabe von posse widmet sich der Erfahrung von Lust (und Unlust) in all ihren Erscheinungsformen und Mustern. Welche politischen Bedingungen bereiten den Boden, auf dem Lust gedeihen kann? Und wodurch wird sie verhindert? Ist Lust privat? Wo liegt die Grenze zwischen heilender Ekstase und destruktivem Eskapismus? In welchem Verhältnis stehen Lust und Vergnügen zu Arbeit? Wie wird Begehren zu einer politischen Kraft? Und gibt es wirklich guilty pleasures?

Editorial

Mal wird Lust zu einem politischen Akt der Selbstermächtigung erklärt, mal als Ausdruck von Obszönität abgewertet. Im Christentum zu einer der sieben Todsünden erklärt, wurde ihr eine Moral der Enthaltung, Mäßigung und Bescheidenheit gegenübergestellt. Im Kolonialismus war sie ein entscheidendes Differenzkriterium, durch das sich das weiße Europa gegenüber der kolonisierten Welt als moralisch überlegen wähnte. In der Moderne entdeckte man schließlich ihr Potenzial zur Transformation in eine Ware, die verkauft und konsumiert werden kann. Ganze Industrien und Märkte entstanden auf Basis ihrer Kommodifizierung: Kino, Freizeitparks, Einkaufszentren, Fernsehen, Clubkultur – im Zentrum des im 20. Jahrhundert entstehenden Konzepts der urbanen Freizeit stand die lustbringende Unterhaltung der Masse. So vollzog sich ein Wandel von ihrer Unterdrückung und Pathologisierung hin zu ihrer möglichst nahtlosen Integration in das öffentliche Gesellschaftsleben.

Doch ihre Herabstufung zu einem profanen Trieb, den es zu regulieren gilt, hallt bis heute nach. Noch immer wird das Erleben von Lust, Vergnügen und Genuss, das über die Reproduktion der Arbeitskraft hinausgeht, aus dem Bereich des Notwendigen ausgeschlossen. Verstanden als Surplus, als dekadenter Überschuss, erscheint die Kultivierung von Lust lediglich als optional, nicht aber als notwendige Bedingung zum (Über-)Leben. Vergnügen ist etwas, das man sich erstmal verdienen muss – oder nicht? Soziale Bewegungen – Queerfeminismus, Dekolonialismus, Anti-Ableismus, Marxismus – haben schon vielfach betont: Unsere soziale Position (einschließlich ihrer materiellen Verhältnisse) formt maßgeblich unsere Fähigkeit, Lust zu erleben und zu kultivieren.

Die erste Ausgabe von posse ist der Versuch, möglichst verschiedene Perspektiven auf Lust und Unlust zu zeigen. So möchten wir ihre politischen Dimensionen ebenso wie ihre außerpolitischen Momente befragen. Denn während die Suche nach Lust, ihre Kultivierung oder ihre Regulierung als kulturelle Praktiken beschrieben werden können, lässt sich die körperliche Erfahrung von Lust nicht restlos in einer diskursiven Logik auflösen.

Die folgenden Seiten handeln von surrealen Traumszenarien und glorifizierten Suiziden; von der Lust am Text und der Frage, an welche Orte uns das Schreiben führen kann; von rauschartigen Zuständen zwischen Selbstversunkenheit und Außer-Sich-Sein; von schmerzhaften Erkenntnissen und ekstatischen Höhepunkten; vom Begehren nach Symbiosen mit dem Mehr-als-Menschlichen; von Einsamkeit, Fatigue und unstillbarer Schaffenslust; von Gelüsten nach Macht und Gespenstern unserer Gegenwart; von der sprachlichen (Im-)Materialität von Sexualität und der lustvollen Suche nach poetischen Störmomenten; von den Weltzugängen, die im Nichtstun und der Passivität verborgen liegen; von Freizeit, Luxus, Solidarität und den utopischen Potenzialen queerer Räume.

Mit Beiträgen von:
Alix Stria, Anna Freytag, Antonia Wetzel, Commie Cakes, Eva Zirker, Evie Reckendrees, Frederik Luszeit, Katharina Stahlhofen, Katy Hundertmark, Natascha Maier, Olivia Golde, Phillip Meinert, Vanessa Bosch und Victoria Parker

Redaktion:
Anna Freytag, Victoria Parker, Katharina Stahlhofen

Grafik:
Katharina Stahlhofen

Gefördert von:
Ministerium für Kultur- und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen