Digitale Diagnosen: Soziologin Laura Wiesböck über den Trend der „Therapie-Sprache“

Interview für freitag.de
15.02.2025

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© Hanser

Therapeutisches Vokabular hat sich längst in unsere Alltagssprache eingenistet. Laura Wiesböck untersucht in „Digitale Diagnosen“, welche Ideen von Normalität dahinter stecken

Wir oversharen, gaslighten und lovebomben – oder machen andere darauf aufmerksam, dass sie es tun. Wir bezeichnen uns als neurodivers, grenzen uns ab und heilen unser inneres Kind. Heutzutage hört man oft von einem „inflationären“ Gebrauch therapeutischer Begriffe. Doch woher kommt das Bedürfnis, unsere Identität und Beziehungen mithilfe psychologischer Begriffe zu erklären? Die Soziologin Laura Wiesböck untersucht in ihrem neuen Buch das Gegenwartsphänomen der „Therapie-Sprache“.

der Freitag: Frau Wiesböck, angesichts der Zunahme an therapeutischen Begriffen in unserem Alltag könnte man meinen, wir sind psychologisch aufgeklärter denn je. Wie sehen Sie das?

Laura Wiesböck: Da stellt sich bei mir zuerst die Frage: Wer ist „wir“? Die Popularisierung von psychologischem Fachjargon oder einer „psychotherapeutischen Kultur“, wie Eva Illouz es nennt, findet in spezifischen Milieus in westlichen Kontexten statt. Im Buch spreche ich daher auch von einem Wohlstandsphänomen, das im Zusammenhang mit der Tendenz von westlichen Gesellschaften steht, sich immer stärker dem Individuum zuzuwenden. Ich finde es daher wichtig, zu fragen: Welche Ideen und Ansprüche an das Menschsein stecken eigentlich hinter diesen Begrifflichkeiten? Und welche Vorstellungen von Gesellschaft und Zusammenleben?

der Freitag: Woher kommt denn das Bedürfnis, uns mit psychologischen Begriffen selbst zu diagnostizieren?

Laura Wiesböck: Menschen sind gesellschaftlich wertvoll, wenn sie leistungsfähig, effizient und eigenverantwortlich sind. Das stellt eine große Belastung für viele dar, die diese Anforderungen nicht immer erfüllen können. Klare Einordnungen von unangenehmen Gefühlszuständen können eine große Entlastung darstellen. Sie geben Orientierung und Halt – und sie sind verbunden mit einem Recht auf Hilfe und Unterstützung. Selbstdiagnosen sind ein sehr gutes Beispiel dafür, dass diese Entwicklungen aus dem US-amerikanischen Kontext stammen, in dem es eine unzureichende medizinische und therapeutische Versorgung gibt. Wenn es einen Mangel an professionellen Angeboten gibt, haben die Menschen oft keine andere Wahl, als sich selbst auf die Suche nach Erklärungen für ihre Leidenszustände zu machen.

der Freitag: Diagnosen wie ADHS, Autismus oder Bipolarität stellen in der Regel Formen der Abweichung von einer Norm fest. Aber was ist denn überhaupt die Norm? Und welche Ansprüche an das Menschsein stehen dahinter?

Laura Wiesböck: Genau das ist die wichtige Frage, die wir aus soziologischer Perspektive stellen sollten. Ideen über Normalität und Abnormalität werden gesellschaftlich laufend neu verhandelt und verändern sich im Laufe der Zeit. Wenn „psychisch gesund“ zu sein bedeutet, leistungsfähig, effizient und genussfähig zu sein, dann steckt da eine bestimmte Idee vom Menschsein dahinter, die nicht unbedingt Verletzlichkeit als Grundprinzip menschlichen Seins anerkennt. Und deswegen ist es sehr wichtig, sich die Art und Weise, wie über Diagnosen geredet wird, genauer anzusehen, weil damit eben Ideen von Normalität und Abnormalität verhandelt werden.

der Freitag: Ein bekannt gewordener Begriff ist „Trigger“, verbunden mit Warnungen vor sensiblen Inhalten. Was ist daran problematisch?

Laura Wiesböck: Trigger-Warnungen waren ursprünglich ein Therapieansatz, um sich als traumatisierte Person bewusst einer Konfrontation mit bestimmten Inhalten auszusetzen – mit dem Ziel, dem Trauma die Macht über sich zu nehmen. Prinzipiell können Trigger-Warnungen auch auf Social Media sinnvoll sein, etwa wenn Inhalte direkt hintereinander gezeigt werden, die aus völlig unterschiedlichen Kontexten kommen. Im Alltag bezieht sich die Verwendung aber nicht immer auf das Ermöglichen einer vorbereiteten Auseinandersetzung mit potenziell retraumatisierenden Inhalten, sondern auf das Vermeiden unangenehmer Gefühle wie Wut oder Ekel. Solche Gefühle können aber in sozialen Kontexten nicht immer vermieden werden.

der Freitag: Bestimmten Zuschreibungen haftet oft eine gewisse Endgültigkeit an: Gespräche oder ganze Beziehungen werden dort beendet, wo etwas als „toxisch“ oder „übergriffig“ kategorisiert wird. Bedeutet das, wir haben verlernt, Konflikte auszutragen?

Laura Wiesböck: Das kann ich nicht beurteilen. Aber es gibt Studien, die zeigen, dass es sehr binäre Vorstellungen über die „Gesundheit“ von zwischenmenschlichen Beziehungen gibt: Sie sind entweder „gesund“ oder eben „toxisch“. Und diese Binarität ist eine enorme Verkürzung. Soziale Beziehungen sind immer geprägt von Ambivalenzen, Widersprüchen und Konflikten. Das betrifft auch das eigene Dasein – auch die eigene Identität ist voller Widersprüche. Und man muss trotzdem mit sich und mit anderen leben. Einige Studien, die ich zitiere, zeigen, dass die nahegelegte Konsequenz von einer negativen Klassifizierung der Ausschluss ist. Man liest oft so etwas wie „Cut negative people out of your life“. Das ist insofern kritisch zu betrachten, weil sich darin eine gewisse Konsumhaltung gegenüber Menschen und Beziehungen ausdrückt. (...)

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