Eine Welt ohne Gefängnisse? Wie die Serie „A Better Place“ Abolitionismus falsch versteht
Rezension für freitag.de
03.02.2025
Die ARD-Serie „A Better Place" reduziert die Abschaffung von Gefängnissen auf ein naives Gedankenexperiment ohne historischen Kontext. Dabei geht es in der abolitionistischen Bewegung um viel mehr.
Würde eine Welt ohne Gefängnisse funktionieren? Wie würden wir in dieser Welt mit Straftaten umgehen? Und was würden wir unter Gerechtigkeit verstehen? In der neuen ARD-Serie A Better Place wagt eine fiktive Stadt im Ruhrgebiet ein Experiment: Von heute auf morgen schließen die Gefängnisse, alle Insassen werden freigelassen. Sie erhalten eine Wohnung, Arbeit und therapeutische Begleitung, um ihre Rückkehr in die Gesellschaft möglichst nahtlos zu gestalten. „Trust“ heißt dieses visionäre Projekt, das von dem jungen Bürgermeister Amir Kaan (Steven Sowah) und der Kriminologin Petra Schach (Maria Hofstätter) geleitet wird, die beide vollstes Vertrauen in dessen Erfolg haben.
Durch die Augen der ehemaligen Insassen blicken wir auf die grauen Kulissen Rheinstadts und erleben, wie sich ein Leben in Freiheit anfühlt: einkaufen gehen, Tatort gucken, Deutschrap auf voller Lautstärke, Wind im Haar, Erdbeerbrausepulver im Mund. Dem 20-jährigen Nader (Youness Aabbaz) und dem Familienvater Mark (Johannes Kienast) steht eine Mischung aus Dankbarkeit und Zweifel ins Gesicht geschrieben, als könnten sie selber noch nicht richtig glauben, dass sie sich wieder frei bewegen dürfen.
Doch nicht jeder befürwortet die neue Freiheit der ehemaligen Insassen, und schnell breitet sich Misstrauen unter den Einwohner:innen Rheinstadts aus. Insbesondere Nesrin (Alev Irmak) ist – zurecht – erschüttert darüber, dass der Mörder ihres Sohnes ohne Rücksprache mit ihnen, den Angehörigen, freigelassen wurde. Ihre Verzweiflung wächst, als sie versucht, sich an die Verantwortlichen des Projekts zu wenden und von diesen eher abgewimmelt als ernst genommen wird. Ihnen ist Nesrin vor allem ein Dorn im Auge, da sie die positive Wahrnehmung der Öffentlichkeit von dem Projekt gefährden könnte.
Die Serie verkennt abolitionistische Prinzipien
Spätestens an dieser Stelle wird deutlich, dass die Serie sich zwar dem zentralen Gedanken des Abolitionismus bedient, ihn aber in wichtigen Aspekten verkennt. Abolitionismus (wörtlich: Abschaffung) ist eine historisch weit zurückreichende soziale, politische und philosophische Bewegung, die sich für die Überwindung staatlicher Gewaltinstitutionen wie Gefängnisse und der Polizei einsetzt. Ihren Ursprung hat die Bewegung im Kampf gegen die Versklavung Schwarzer Menschen in den USA und der Karibik im 18. Jahrhundert.
Heutige Vertreter:innen problematisieren unter anderem den inhärenten Rassismus in staatlichen Gewaltapparaten sowie ihre Komplizenschaft mit Formen kapitalistischer Ausbeutung (Stichwort „Prison Industrial Complex“). Im Zuge der Black-Lives-Matter-Bewegung von 2020 gewann das abolitionistische Denken angesichts der grassierenden Polizeigewalt weltweit erneut an Aufmerksamkeit.
Das inspirierte wohl auch die Ideengeber von A Better Place. Auch wenn die Serie den Abolitionismus nicht namentlich erwähnt, ist der Bezug doch unverkennbar. Zentrale Aspekte werden jedoch außer Acht gelassen, grob vereinfacht oder auf nahezu bizarre Weise verzerrt. So etwa der Umgang mit Betroffenen von Gewalt oder deren Angehörigen.
Anders als in der Serie dargestellt, stehen die Bedürfnisse und Perspektiven von Betroffenen in abolitionistischen Ansätzen wie der transformativen Gerechtigkeit („transformative Justice“) im Mittelpunkt – mit dem Ziel, eine Veränderung der gesamten Situation zu bewirken, die überhaupt erst zu der Tat geführt hat. Entwickelt wurden diese Konzepte primär von Schwarzen (trans) Frauen und Frauen of Colour, die sowohl von interpersoneller Gewalt als auch von staatlicher Gewalt betroffen und daher in besonderer Weise auf Alternativen zum bestehenden Strafsystem angewiesen sind. Sie können sich etwa nicht auf die Polizei verlassen, wenn sie häusliche Gewalt erfahren, da sie überproportional Gewalt durch die Polizei erfahren.
Die Verzerrung abolitionistischer Prinzipien in A Better Place zeigt sich besonders perfide im Fall der Figur Nesrin und ihrer Familie: Die Serie erweckt den irreführenden Eindruck, dass gerade Betroffene von Rassismus und rechtsextremer Gewalt durch das bestehende Straf- und Gefängnissystem geschützt würden. Die Verantwortlichen des „Trust“-Projektes werden demgegenüber als rücksichtslose, sture Ideologen dargestellt, die verurteilte Nazis auf die Gesellschaft loslassen wollen, ohne mit der Wimper zu zucken.
Sollen also ausgerechnet rassifizierte Menschen dankbar für das bestehende System sein? Eine solche Auslegung wäre nicht nur eine Farce angesichts der Tatsache, dass die Justiz immer wieder darin versagt, Minderheiten vor rassistisch motivierter Gewalt zu schützen. Sie würde auch verkennen, dass es rassifizierte Menschen sind und waren, die den Abolitionismus begründet haben und bis heute vertreten.
Abolitionismus setzt an den Ursachen von Gewalt und Kriminalität an
Es gibt zahlreiche Gründe dafür, das bestehende System in Frage zu stellen. Nicht nur eine durchschnittliche Rückfallquote von ca. 48 Prozent zieht den „Erfolg“ der Institution Gefängnis in Zweifel. Auch darüber hinaus weist vieles darauf hin, dass Armut, Gewalt und Kriminalität durch das bestehende System nicht effektiv verhindert, sondern reproduziert werden.
Die derzeitige Praxis der Inhaftierung betrifft etwa in besonderer Weise arme Menschen: In Deutschland müssen jährlich ca. 50.000 Menschen eine sogenannte Ersatzfreiheitsstrafe absitzen, weil sie eine vom Gericht auferlegte Geldstrafe nicht bezahlen können – etwa für den Diebstahl von Lebensmitteln oder weil sie öffentliche Verkehrsmittel ohne gültigen Fahrschein nutzen. Was hier eigentlich bestraft wird, ist also Armut. Die Ersatzfreiheitsstrafe ist in Deutschland mittlerweile die häufigste Form der Freiheitsstrafe. Nicht nur in der Funktion, sondern auch in der Verteilung von Strafe ist die Klassenfrage daher immanent.
Vertreter:innen des Abolitionismus setzen sich für weit mehr als die Abschaffung eines staatlichen Gewaltmonopols ein, das Armut und Kriminalität systematisch reproduziert. Es geht auch um den gleichzeitigen Aufbau von „Caring Communitys“ und Infrastrukturen zur Prävention von Gewalt. Das können solidarische, gemeinschaftsbasierte Strukturen sein, die auf soziale, therapeutische und materielle Unterstützung statt auf Isolation und Strafe setzen – von Angeboten für Bildung über psychische Gesundheit bis zur Drogen- und Suchtberatung. Natürlich muss sich auf lange Sicht gesamtgesellschaftlich, politisch und ökonomisch etwas grundlegend verändern – im Hier und Jetzt können aber bereits Alternativen zu staatlichen Strafregimen entwickelt werden. "Building socialism from the ground", wie Ruth Wilson Gilmore, Theoretikerin und Aktivistin der abolitionistischen Bewegung, das nennt.
Während unser derzeitiges System auf die Isolation „schuldig“ gewordener Individuen ausgelegt ist, betont der Abolitionismus stets die kollektive, gesellschaftliche Verantwortung für Akte der Gewalt. Das bedeutet nicht, dass auf Taten keine Konsequenzen folgen – ganz im Gegenteil. Entscheidend ist, nicht nur die Symptome, sondern die Ursachen von Kriminalität und Gewalt effektiv zu bekämpfen. Eine Isolierung von einzelnen Tätern durch eine Gefängnisstrafe mag für einen kurzen Moment ein Gefühl der Erleichterung und Sicherheit verschaffen. Doch damit hat sich noch nichts an den Umständen geändert, die überhaupt erst zu der Tat geführt haben.
Woher kommt unser hohes Strafbedürfnis?
Aber: Wer würde schon leugnen, dass nicht auch eine gewisse Genugtuung darin liegt, Täter bestimmter Gewaltakte verurteilt zu wissen? Allein die Ikonografie der Justiz, materialisiert in holzgetäfelten Gerichtssälen und im symbolischen Richterschlag, birgt ein überhistorisches Streben nach Gerechtigkeit in sich. Die Legitimation von staatlichen Gewaltinstitutionen ist in hohem Maße darauf angewiesen, dass wir verinnerlicht haben, Strafe als angemessenes Mittel zur Herstellung von Gerechtigkeit zu betrachten.
In Überwachen und Strafen (1975) zeigte Michel Foucault, dass Strafe dabei nicht nur auf Repression, sondern auf die Disziplinierung von Menschen abzielt. Schon in der Kindeserziehung ist Strafe ein weit verbreitetes Mittel, um Macht auszuüben. Abolitionistische Theorien und Praktiken versuchen demgegenüber, die natürlich scheinende Legitimität von Strafe in Frage zu stellen.
Durch die Zuschreibung von Schuld an Einzelne lässt sich der Glaube aufrechterhalten, eine Gesellschaft bestehe aus „schuldigen“ und „unschuldigen“ Menschen. Wenn wir die straffällig Gewordenen hinter Gittern stecken, können wir so tun, als läge die Gewalt außerhalb von uns. Femizide, Kindesmissbrauch oder rechtsextreme Gewalt sind dann keine gesellschaftlichen Probleme mehr, sondern Ausdrücke individueller Grausamkeit. Kollektive Verantwortung lässt sich auf diese Weise leicht abwälzen. Auch die Serie A Better Place lebt von einer Personifizierung von Grausamkeit – und dem Glauben daran, dass diese von der Gesellschaft abgespalten werden könne, indem man Einzelpersonen inhaftiert. Wenn es doch nur so einfach wäre! (...)
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