Tech-Milliardäre im Fahrwasser rechter Verschwörungsmythen

Analyse für freitag.de
17.01.2025

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Musk und Zuckerberg inszenieren sich als Verteidiger der Meinungsfreiheit gegenüber einem vermeintlich totalitären ,,woken" Mainstream. Mit X und Meta verkommen zentrale Informa- tionsplattformen damit zu Werk- zeugen politischer Manipulation.

Fast könnte man annehmen, dass Rechte irgendwann selbst nicht mehr an ihre Verschwörungserzählungen glauben. Oder diese zumindest an Plausibilität und Wirkkraft verlieren, wenn sie nur oft genug wiederholt werden und sich in ihrer Konstruiertheit offenbaren. Auf Elon Musks X-Account aber sind sie alive and well. Wie besessen teilt Musk Kommentare und Memes, die an die großen Verschwörungsmythen unserer Gegenwart anknüpfen.

Die Erzählung des „großen Austauschs“ bildet dabei den zentralen Referenzpunkt, an dem die Motive antisemitischer, rassistischer, heteronormativer und christlich-fundamentalistischer Weltbilder zusammenfließen: Der Erzählung nach werden globale Migrationsbewegungen von einer geheimen Elite gesteuert, um das „eigene“ Volk – das als homogen, weiß und christlich imaginiert wird – systematisch durch Migrant*innen zu ersetzen.

Nicht nur Einwanderung, sondern auch Abtreibung und Homosexualität werden als gezielte Methoden gedeutet, um den Bevölkerungsaustausch voranzutreiben. Die Speerspitze dieser geheimen Allianz aus Regierungsvertretern, Medien, Banken und akademischen Institutionen sollen George Soros und Bill Gates bilden, die mit ihren milliardenschweren Vermögen neben Migrationsströmen auch noch öffentliche Debatten zu lenken wissen.

„Truth Decay“: Der Verfall der Wahrheit als Wert

In dieser wahnhaften Alternativ-Wirklichkeit bereits vollständig angekommen, teilt Musk auf seinem X-Account täglich Inhalte, die den Mythos des großen Austauschs füttern. Selten verfasst er dafür eigene Tweets, eher teilt er die Beiträge anderer Accounts, die er dann lediglich mit einem einsilbigen „true“, „wow“ oder ein bis zwei tränenlachender Emojis kommentiert. Den Rest übernehmen seine über 200 Millionen Follower, indem sie diese Tweets wiederum tausendfach liken, kommentieren, teilen.

In den Kommentarspalten reihen sich Falschinformationen und Gewaltsuggestionen aneinander, zwischendurch erhält man Einblicke in rechte Humorlogiken. „Erinnerst du dich daran, wo du am 6. Januar 2021 gewesen bist?“, soll die Pointe eines Jokes über den „Sturm aufs Kapitol“ sein, der in rechten Kreisen gerne verharmlost bis geleugnet wird.

In diesem Beispiel kommt eine generelle Tendenz populistischer bis faschistischer Agitationsmuster zum Ausdruck: Wichtiger als der Wahrheitsgehalt einer Aussage ist ihre symbolische Bedeutung innerhalb einer polarisierten Lagerbildung. Laut Jeanette Hofmann, Leiterin der Forschungsgruppe „Politik der Digitalisierung“ am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, wird die Zustimmung zu politischen Lügen somit zu einer Frage der Loyalität. In diesem Zusammenhang sprechen Forscher*innen auch vom „Truth Decay“, vom Verfall der Wahrheit als Wert, zugunsten eines Gefühls der Zugehörigkeit.

Guter Milliardär, böser Milliardär

Verschwörungserzählungen generieren ihre Überzeugungskraft unter anderem aus dem typischen Erklärungsmuster, das verschiedenste und voneinander unabhängige Ereignisse und Entwicklungen in einen unmittelbaren Zusammenhang stellt. So können auch Widersprüche ausgeblendet werden, wo diese einem nicht gerade in die Karten spielen. Dass Milliardäre dieselben Interessen verfolgen wie Marxisten? Unter Rechten eine allgemeine Gewissheit. Bemerkenswert ist dennoch, dass Musk – bekanntlich der reichste Mann der Welt – sich nicht davor scheut, Soros oder Gates ausgerechnet für ihre politische Einflussnahme über finanzielle Mittel zu kritisieren.

Er selbst hat schließlich nur mindestens 250 Millionen Dollar in den Wahlkampf von Donald Trump fließen lassen und wurde dafür mit der künftigen Leitung einer neuen Regierungsbehörde belohnt. Oder eine der größten Informationsplattformen der Gegenwart aufgekauft und diese nach und nach zu seinem persönlichen Werkzeug der politischen Manipulation umgebaut.

Während Musk sich also in einer beispiellosen Machtposition befindet, ist es stets die andere Seite, die mit übermächtigen Mitteln ausgestattet ist und diese auf so gezielte wie korrupte Art einzusetzen weiß. Aber dieser himmelschreiende Widerspruch scheint seiner Anhängerschaft ziemlich egal zu sein. Mit Milliardären an sich, die ihre ohnehin schon viel zu große Einflusssphäre systematisch weiter ausbauen und ihrer politischen Agenda entsprechend nutzen, haben sie kein Problem – nur mit den falschen. Für sie gibt es gute und böse Milliardäre.

Warnung vor dem „Woke Mind Virus“

Die identitätsstiftende Funktion dieses antagonistischen Denkens ist dabei nicht zu unterschätzen. Sie bietet seinen Anhängern ein positives Selbstbild als Verteidiger zivilisatorischer Errungenschaften gegen deren drohenden Verfall durch den „woken Sozialismus“, der bekanntlich auf dem Vormarsch ist. Ebenso wie Trump verkörpert Musk für seine Anhänger dabei das Versprechen, ihren Wunsch zu befriedigen, „sich der Autorität zu unterwerfen und zugleich Autorität zu sein“ (Adorno), der im faschistischen Weltbild angelegt ist.

Unter dem Stichwort des „Woke Mind Virus“, der progressive Anliegen wie den Einsatz für soziale Gerechtigkeit, LGBTQ-Rechte oder Antifaschismus rhetorisch in eine ansteckende Krankheit umwandelt, inszeniert sich Musk als letzte Instanz der Meinungsfreiheit, die es vor Bevormundungen und Zensur durch linke Kräfte zu beschützen gilt. Seinen „Sohn“, so bedauert Musk, habe er etwa bereits an den „Woke Mind Virus“ verloren, indem dieser sich für eine Geschlechtsanpassung entschieden habe. Die Kommentatoren pflichten ihm ihr herzliches Beileid bei, als handelte es sich um den tatsächlichen Tod seiner Tochter.

Bei der Aneignung und Umdeutung von Begriffen des gegnerischen Lagers, wie im Fall von „woke“, handelt es sich um den Versuch, einen emanzipatorisch und positiv konnotierten Begriff mit einer autoritären Idee zu belegen. Die Argumentationslogik wird damit umgedreht: Der Begriff „woke“, ein spezifisch afroamerikanischer Ausdruck für ein „waches“ Bewusstsein über rassistische Unterdrückungsstrukturen, wird in rechten und konservativen Kreisen als ultimatives Schlagwort für eine vermeintlich totalitäre Ideologie verwendet, die eine Diskurshoheit für sich beanspruchen und der Öffentlichkeit „politische Korrektheit“ aufzwingen will. Und zwar nicht über demokratische Mittel in Form eines kritischen öffentlichen Diskurses, sondern in Form von Redeverboten, Bevormundungen und Zensur. (...)

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