»We may all be in the Anthropocene, but we are not all in it the same way«

Essay für form #294 — Natur
Dezember 2021

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Screenshot von Google Maps

Über Design im Zeichen des Anthropozäns – und die naturfeindliche Geschichte des Funktionalismus

Das Anthropozän zeigt uns in aller Deutlichkeit, dass die Geschichte der Menschheit auch die Geschichte ihrer Einwirkung auf die Umwelt ist. Trotzdem stellen wir uns Natur und Gesellschaft als zwei getrennte Sphären vor. Wir verstehen Natur als das Gegenteil von Kultur, von Gesellschaft, von Sozialem. Mit anderen Worten: von allem, was der Mensch nicht erschaffen, nicht beeinflusst, nicht geformt hat.

Eine Trennung zwischen Natur und Kultur ist allerdings keine ontologische Tatsache, sondern eine historisch erwachsene Idee. Bis heute bildet sie die Basis für das Selbstverständnis westlicher Gesellschaften. Hinter der kolonialrassistischen Abwertung des ›Primitiven‹ steht etwa die Herabwürdigung einer als naturnah markierten Lebensweise. Im Gegensatz dazu wird Kultur als linearer Fortschrittsprozess imaginiert, hin zu immer höheren Entwicklungsstufen.

Eine fiktive Trennung zwischen Natur und Kultur ist nicht nur eine Fortführung kolonialistischer Denkweisen. Sie hindert uns daran, uns selbst als Natur zu begreifen – eine Selbsttäuschung, die der anthropogene Klimwandel uns nun schmerzlich bewusst macht. So langsam, viel zu langsam, verstehen auch westliche Gesellschaften: Natur existiert nicht außerhalb von uns.

Design im Anthropozän

Im Zeichen des Anthropozäns sieht sich die Designpraxis und -theorie dazu aufgefordert, ihr Selbstverständnis zu befragen. Was schließlich ist Design, wenn nicht die Nutzbarmachung und Transformation von natürlichen Rohmaterialien in etwas, das der ›reinen‹ Natur überlegen scheint? Anders gefragt: Was ist Design, wenn nicht die Transformation von Natur in Kultur?

Es bietet sich an, den Designbegriff zunächst in seiner geläufigen Bedeutung als Entwurf und Planung von Industrieprodukten zu verwenden. Damit können wir den Ursprung heutiger Designpraxen in der industriellen Revolution des ausgehenden 18. Jahrhunderts verorten – die für viele Wissenschaftler:innen nicht rein zufällig auch den Beginn des Anthropozäns markiert. Aus der immer stärker ausgeprägten Arbeitsteilung im Zuge der Industrialisierung ging das moderne Design durch eine Abspaltung von Kunst, Handwerk und Ingenieurwesen als eigenes Berufsbild hervor.

Zeitgleich sollte die Idee einer Loslösung und Überlegenheit des ›Kulturellen‹ gegenüber dem ›Natürlichen‹ zum ideologischen Bindeglied zwischen Kolonialismus und Industriekapitalismus werden. Gemeinsam hielten sie das Versprechen bereit, die Menschheit auf gänzlich neue Entwicklungsstufen zu befördern. Das moderne Selbstverständnis von Design – auf der Grundlage rationaler Prinzipien Funktionales, Neues und Innovatives zu entwerfen, und damit zu menschlichem Fortschritt und kultureller Entwicklung beizutragen – war geboren. (...)

Vollständiger Text in form #294 — Natur