„Weiße Witwe“ an der Volksbühne: Der weiße Mann als Snack

Rezension für freitag.de
18.02.2025

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© Apollonia T. Bitzan

Kurdwin Ayub wirft an der Volksbühne Berlin mit „Weiße Witwe“ einen satirischen Blick auf europäische Fantasien vom „sexy Orient“ und die Kontrolle über Narrative

Es ist das Jahr 2666. Königin Aliah regiert unerbittlich über den islamischen Staat Europa und ist dabei vor allem eines: hungrig auf junge weiße Männer. Jeden Abend lässt sich Aliah, gespielt von der Rapperin addeN, von dem hysterischen Eunuchen (Benny Claessens) und ihrer Leibgardistin Jessica (Zarah Kofler) einen frischen weißen Jüngling in ihre königlichen Gemächer bringen und von ihm befriedigen, bevor sie ihn lustvoll hinrichtet.

Zu Beginn von Weiße Witwe, das die kurdisch-österreichische Autorin und Regisseurin Kurdwin Ayub an der Volksbühne in Berlin zur Uraufführung bringt, steigt die Königin von einer gigantischen schwarzen Spinne, die sich langsam von oben auf die Bühne herabsenkt. In der schwarzen Witwe, die ihre Männchen nach dem Sex verspeist, hat Aliah wohl ihr spirituelles Ebenbild gefunden. In ihrem lustvollen Morden wird sie dabei zur weiblichen Reinkarnation des persischen Königs Schahryâr aus Tausendundeine Nacht, der jeden Tag eine neue Frau heiratet und am nächsten Morgen töten lässt.

Ganz reibungslos lässt sich Aliahs blutiges Treiben allerdings nicht fortführen. Es wird zunehmend schwieriger, ihr täglich weißes Frischfleisch zu beschaffen, sodass sie sich eines Tages darauf einlässt, sich ausnahmsweise von einem alten weißen Mann (Georg Friedrich) befriedigen zu lassen. Der macht einen auf Scheherazade und kaut ihr Nacht für Nacht ein Ohr ab mit einer Geschichte, die einfach nicht aufhört. Es ist die von Samantha Lewthwaite: 1983 als weiße Christin in Nordirland geboren, wurde sie später zu einer der meistgesuchten islamistischen Terrorverdächtigen der Welt – bekannt als „weiße Witwe“.

Obendrein lehnt sich ihre eigene Tochter Cezaria (Samirah Breuer) gegen Aliah auf und beleidigt sie als nihilistische Hure. „Halt die Fresse, du kleine Fotze!“, lautet deren angemessene Antwort darauf. Cezaria rebelliert nicht nur gegen die grausamen Herrschaftsmethoden ihrer Mutter, sondern auch gegen deren radikalen Choice-Feminismus – eine Ideologie, die patriarchale Weiblichkeitsideale als vermeintlich selbstbestimmte Entscheidungen von Frauen verkauft. Sie verurteilt ihre Mutter dafür, das Klischee des „sexy und gefährlichen Orients“ zu bedienen. Im Streit zwischen Mutter und Tochter spiegelt sich damit nicht nur ein Generationenkonflikt verschiedener feministischer Strömungen wider, sondern auch unterschiedliche Umgangsweisen muslimischer Frauen mit europäischen Projektionen auf sie.

In ihrem Theaterdebüt spielt Kurdwin Ayub angriffslustig mit Symbolen – ein blauer Niqab mit den zwölf Sternen der EU; ein Sprengstoffgürtel, den Aliah wie eine Korsage trägt. Die Bühne gleicht einer nebligen, überinszenierten Traumwelt aus orientalistischen Bildern, die so oft zum Gegenstand europäischer Fantasien geworden sind, dass man Original und Projektion nur schwer auseinderhalten kann. Ein Dutzend Tänzer:innen begleitet das Geschehen mal in sinnlich-kreisenden, mal in hektisch-zuckenden Bewegungen.

Zwischen überdrehter Satire, obszönen Beleidigungen und hypersexualisierten Tanzeinlagen bricht plötzlich die Realität in das Stück ein, als Cezaria von einem Gespräch mit einem weißen Kurator erzählt, der sich nicht sicher war, ob er den Film einer jungen migrantischen Regisseurin zeigen könne, da er befürchtete, dieser würde Rassismus schüren.

Eine Erfahrung, die Ayub selbst gemacht hat, wie sie im Dezember 2024 dem österreichischen Kurier in einem Interview schilderte. Ihr Spielfilm Sonne, auf der Berlinale 2022 mit dem Preis für den besten Erstlingsfilm ausgezeichnet, erzählt die Geschichte der Teenagerin Yesmin, die als Jugendliche und Kurdin in Österreich ihren Platz im Leben sucht. Im Interview schildert Ayub ihre Wut über die „Pseudo-Wokeness“ des weißen Kurators, der von migrantischen Protagonist:innen anscheinend erwartet, dass sie keine Konflikte und Probleme haben, die ein weißes Publikum womöglich als Bestätigung gewisser Vorurteile empfindet. (...)

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